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Winternacht

Was wir feiern können ... Winternacht

 

 

 

altnordisch: Vetrnóttablót, angelsächsischen:Winterfylleth, neu-keltisch: Samhain, alt-irisch: Samuin oder Samain, walisisch: Nos Calan gaeaf („Nacht des Winteranfangs“)

 

 

 

Es ist das erste der drei (schriftlich) überlieferten vor-christlichen Jahres- resp. Opferfeste in Skandinavien. Zu diesem wurden Opfer für gute Ernte gebracht und die Verbindung mit den weiblichen Ahninnen und Göttinnen geehrt.

 

 

 

Die Winternacht - nicht zu verwechseln mit der Weihnacht - ist ein Mondfest (im neo-keltischen Raum ein Neumondfest, im neu-nordisch-germanischen ein Vollmondfest) und wird, je nach Region zwischen Mitte Oktober und Anfang November gefeiert. Die Skandinavier feiern um den 15.10. herum, die Isländer feiern auf einen Oktobersonntag, der zwischen dem 21.10. und 26.10. liegt und in unseren Breiten feiern wir entweder zum ersten Oktobervollmond (dieses Jahr war das am 09.10.2022) oder zum ersten Novembervollmond (dieses Jahr ist das am 08.11.2022) oder fix in der Nacht vom 31.10. auf den 01.11., was auch dem neo-keltisch-druidischen Samhain und dem christianisierten Fest als Halloween entspricht.

 

 

 

Die Feierlichkeiten kreisen zwar um einen gemeinsamen Zeitraum - was für landwirtschaftlich geprägte Kulturen ganz folgerichtig ist, ist doch die Zeit, wenn die Ernte eingebracht und die Hausgärten winterfest gemacht sind, eine Zeit der Freude und der Besinnung – entsprechen einander jedoch nicht ganz. Gemeinschaft mit unseren Ahn*innen feiern wir im neu-nordisch-germanischen zu Jul und die offenen Tore in die Anderswelt erleben wir in den Raunächten. Gemeinsam ist uns, dass die eingefahrene Ernte noch verarbeitet und haltbar gemacht werden muß für die kalte Zeit. Auch gilt es Entscheidungen zu treffen, was bleibt und was gehen muss ... so heißt der November denn auch 'Blutmond', weil alle überzähligen Tiere, die unsere Ahn*innen nicht durch den Winter bringen konnten, geschlachtet wurden. Und was jetzt noch an Früchten und Kräutern draußen zu finden ist, das gehört nach dem Fest nur noch den Tierleuten und den Naturgeistern und ist ab sofort tabu, es ist „puk“.

 

 

 

Die Feier des Samhain hat jedoch in verschiedenster Gestaltung als Feier zu Ehre der Toten überlebt. In Schottland, Irland und Wales, sowie wahrscheinlich im gesamten keltischen Siedlungsraum, fand das "Féile na Marbh" ("Feier der Toten") zu diesem Termin statt. Im Zuge der Christianisierung wurde das Fest zu Allerheiligen am 1. November, gefolgt von Allerseelen am 2. November. Dementsprechend wurde der 31. Oktober zum Vorabend von Allerheiligen ("All Hallow's Eve") und die Überbleibsel des ursprünglichen Festes verwandelten sich in das weltliche Fest Halloween. [Um es mal ganz vereinfacht und verkürzt in drei Sätze zu packen ;) ] Das Fest kennzeichnet im modernen Jahreskreis den Winterbeginn und im keltischen Verständnis gleichzeitig den beginn des Neuen Jahres, denn wie alles Lebendige werden auch unsere Tage und Jahre aus der Dunkelheit geboren.

 

 

 

Ab von Betrachtungen historischer Überlieferungen und moderner Interpretationen können wir uns bewusst in die Zeitqualität begeben. Lassen wir uns auf die Energie dieser Zeit ein, spüren wir das Ausatmen der Göttin, der Mutter Erde, die sich darauf vorbereitet, bis zum Frühjahrsfest, dem neu-heidnischen Disablót (neo-keltisch: Imbolc) zu ruhen und Kraft zu schöpfen. Wir können spüren, wie sich Licht und Zeit wandeln, der Rhythmus des Lebens um uns herum sich verändert, langsamer und langsamer wird. Willst Du es Dir nicht schwerer machen als nötig, beginne jetzt keine neuen Projekte und lichte Deinen Terminkalender.

 

 

 

Die Zugvögel verlassen unsere Breitengrade und viele unserer Tiervettern ziehen sich mehr und mehr in ihre Winterbaue zurück; das Land verliert in einem letzten Rausch seine Farben. Die Grenze zwischen den Welten beginnt durchlässig zu werden. Die keltische Erfahrung sagt, dass wir jetzt unseren Ahn*innen begegnen können: Unsere Verstorbenen und die Geister derer, die noch geboren werden sollen, wandeln in dieser Nacht auf der Erde, um uns zu besuchen. Um ihnen den Weg zu weisen, stellen wir Lichter in den Fenstern auf. Um diejenigen Geister fern zu halten, deren Platz nicht bei uns ist und die nur Unruhe stiften wollen, hängen wir selbstgemalte Dämonengesichter auf oder schnitzen aus Rüben oder Kürbissen schaurige Fratzen, die als Wächter vor die Tür gestellt werden.

 

 

 

Die Zeit, die der Winternacht folgt, sind die melancholischen Tage des Novembers, die eine Zeit der Auseinandersetzung mit unserer eigenen Vergänglichkeit und eine Konfrontation mit dem Tod sein können: eine Chance, uns selbst in dieser Stille wahrhaft zu begegnen, bevor wir zu Jul in die Gemeinschaft unserer Ahn*innen zurückkehren. Für das Fest in 2018 wies mich Odin bei der Vorbereitung an, zur Nacht so weit allein mit einer Laterne in den Wald zu gehen, dass ich die Lichter der Häuser gerade noch ahnen könne und mich dann niederzusetzen und dem Wind und den Bäumen zu lauschen. Mir selbst zu lauschen. In ihnen. Geworden ist daraus eine Tradition, ein Utisetta in dieser aufgeladenen Nacht, bevor ich die Feuer entzünde, bevor ich Dank sage und Opfer gebe. Ich empfinde das Lauschen dieses Jahr umso wichtiger, als das es eine Menge gibt, was wir kollektiv nicht hören wollen, was wir nicht sehen und nicht fühlen wollen. Vielleicht fällt es leichter, wenn wir uns von unseren Großmüttern umgeben wissen, in der Dunkelheit die Augen für den Zustand unserer Welt zu öffnen.

 

 

 

Die Herrin der Unterwelt in unseren nordischen Gefilden, die Göttin Hel (die Holle, Frau Percht) begleitet uns mit Einsicht und Weisheit und weist uns an, unsere Ahninnen nicht zu vergessen, sie zu ehren und von ihren Heldentaten zu berichten und daraus zu lernen, abzuleiten, wie wir im Hier&Jetzt einen Umgang mit unseren Herausforderungen finden. Allmutter Frigg vollendet den Bogen und mahnt uns, nicht zu vergessen, dass unsere Ahnenlinie nicht bei uns endet, sondern etwas ist, das in die Zukunft weist (eigene Kinder oder nicht): So sollen wir darüber sprechen, wie wir einst erinnert werden wollen und uns zu Herzen nehmen, wie wir leben sollten, um das zu erreichen.

 

 

 

Ich wünsche Dir und mir und all unseren Lieben, wo auch immer sie sein mögen, eine gesegnete Winternacht!

 

 

 

All Deine Guten Geister mit Dir!

 

Urs Grágás Bärenkräfte Barth