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Wintersonnenwende und Julfest


 

Was wir feiern …

 

Jul – Jól – Jõulud – Yule – Joel – Jööl

 

 

 

Weihnachten feiern wir hier allerorten, dabei müsste es eigentlich „Weihenächte“ heißen, denn Jul ist ein Festtag in der Julzeit, die ehedem von Mitte November bis Mitte Januar reichte. In der neuheidnischen Vorstellung umfasst sie die Schließtage sowie die Festtage Mütternacht, Wintersonnenwende, Jul und die Raunächte.

 

 

 

Historisch sind Jul und die Wintersonnenwende zwei verschiedene Angelegenheiten und auch nur für Jul sind aus der vorchristlichen Zeit Festivitäten überliefert, nicht aber für die Wintersonnenwende. Überhaupt sind nur drei nordische Feste historisch belegt und nicht der ganze 8-festige Jahreskalender, der auf dem modernen Wicca beruht. Aber ich schweife ab.

 

 

 

Für mich als Hagazussa ist die Wintersonnenwende und das dazugehörige Ritual immens wichtig. Als Arbeitstermin. Sozusagen. Meiner Auffassung nach gehört zu unserem Aufgabengebiet, dafür zu sorgen, dass sich das Rad weiterdreht und am nächsten Morgen wieder die Sonne aufgeht. Für mich nachvollziehbar, dass dies kein Fest für die Allgemeinheit war. Ob ich wirklich glaube, dass die Sonne nicht mehr aufgehen würde, wenn weltweit das magische Volk die Rituale nicht mehr abhalten würde? Ja, das glaube ich. Der große Gelehrte Terry Pratchett erklärt es in seinem Buch „Hogfather“: "Die Sonne wäre trotzdem aufgegangen, ja?" "Die Sonne wäre nicht aufgegangen", sagte ER. "Ein bloßer Ball aus flammendem Gas hätte die Welt erleuchtet. Es wäre eine Welt des Vergessens gewesen. Die gleiche menschliche Glaubensfähigkeit, die die Zahnfee und den Weihnachtsmann unterstützt, schafft den Raum für Bedeutungen wie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Pflicht, die im physischen Universum nicht existieren."

 

 

 

 

 

Wann also ist Jul?

 

Astronomisch ist dieses Jahr auf der Nordhalbkugel Wintersonnenwende am 21.12. um 16:58 Uhr. Ich feiere mein Jul am 21.12. und dann nochmal mit der Familie vom 24. bis zum 26.12.. Das sind aber beileibe nicht die einzigen oder gar die „richtigen“ Daten des Festes. Vor dem christlichen und sein Land christianisierenden König Hakon I. von Norwegen wurde das Julfest im hohen Norden im Januar begangen (13./14. oder 15.01. sind als festes Datum im Gespräch – nach dem Mondkalender findet es zum dritten Vollmond nach dem Winternachtsblót statt) und soll drei bis dreizehn Tage gedauert haben. Der König, der seine Landsleute der Kirche zuführen wollte, ließ das Fest im 10.Jhr. auf den 25.12. verlegen – auf das Datum, das vom Konzil von Konstantinopel im Jahre 381 als der Geburtstag des Jesus v. Nazareth festgelegt wurde.

 

 

 

 

 

Zusätzlich gab es da über die Jahrhunderte aber auch verschiedene Datumsverschiebungen wegen der Kalenderreformen - erst der julianischen, dann der gregorianischen - und daher fiel bis 1582 die Wintersonnenwende auf den 13. Dezember, der vor- und nach-christlich der Lichtjungfrau [Luzia] geweiht ist. In Schweden und auch in bestimmten Gebieten Deutschlands wird bis heute am 13. Dezember das „Sankta Lucia“-Fest beziehungsweise die „Luziennacht“ gefeiert. Eigentlich also auch Jul und ein klarer Hinweis auf die weibliche Gottheit, die mit dem Lichtaspekt des Festes verbunden ist. In meinen Augen ganz folgerichtig, denn unsere nordische Sonne ist eine Göttin, Sunna mit Namen. Dann gibt es noch Gegenden, vornehmlich in der Schweiz, die das Fest mit der Silvesternacht assoziieren (in der tatsächlich ehedem Geschenke ausgetauscht wurden) und die 'Jul' deshalb zum Neujahrstag feiern und dann bis zum 13.01. in die Raunächte gehen und so ihren Kreis mit der Lichtgöttin schließen.

 

Alles nachvollziehbar. Alles nicht falsch. Wenn Du Jul feiern möchtest, schau wohin es Dich zieht: welchem Pfad folgst Du? Was ist Dein Kompass? Was erscheint Dir persönlich, gemäß den Traditionen Deiner Familie und Region, in Deinem Kreis, in Deinem Pantheon richtig und stimmig? Mein Rat: Befrage Deine Ahninnen und Ahnen, die lebenden und die toten und lass Dich unterweisen. Freestylen und Neuerfinden können viel Spaß machen, in Verbundenheit zu gehen macht meiner Meinung nach diese Tage jedoch zu etwas wirklich Besonderem und braucht – nebenbei gesagt – keinen Kommerz und Konsum, weil da keine Leere ist, die gefüllt werden muss.

 

 

 

 

 

Was also ist Jul?

 

Jul ist eine Mischung aus Licht-, Toten- und Fruchtbarkeitsfest, das tiefer geht und mehr zu bieten hat, als das inhaltlich meist sehr reduzierte Weihnachten, das wir mehrheitsgesellschaftlich absolvieren. Es lohnt sich, mit Deinen Ahn:innen einzutauchen und es zu entdecken. Aber das erwähnte ich ja bereits.

 

Seit langer Zeit feiern viele Kulturen den Tag der Wintersonnenwende. Zum Beispiel feierte der vorderasiatische Mithras-Kult an diesem Tag die Geburt des Lichtgottes, der ägyptische Isis-Kult den Geburtstag des Falkengottes Horus und die Römer subsumierten alle vorherigen Gedenkfeiern ihres Imperiums zum Tag des „Sol invictus / unbesiegbaren Sonnengottes“. Die katholische Kirche hat, wie schon geschrieben, entsprechend nachgezogen.

 

Obwohl für viele das neuheidnische Julfest zu ebenjenem bedeutungsvollen Datum resp. Himmelereignis stattfindet (die Sonne durchwandert ihren südlichen Wendekreis und so werden nach der längsten Nacht des Jahres die Tage wieder länger) ist es inhaltlich nicht mit den vorgenannten Kultfesten gleichzusetzen, da wir u.a. zwar ebenfalls das wiederkehrende Licht begrüßen, aber aus nordischer Sicht kein Sonnen- oder Lichtgott geboren wird. DIE Sonne ist eine Göttin mit Namen Sunna resp. Sol; der Gott Balder ist zwar der Strahlende, aber kein Messias. Er kehrt nach Ragnarök wieder, was kein jährlicher Wechsel im Jahreskreis ist, sondern ein - hoffentlich sehr, sehr fernes - einmaliges Ereignis. Unstrittig ist, dass der Begriff „Jul“ schon in vorchristlicher Zeit verwendet wurde. Wie allerdings die Riten genau aussahen, darüber gibt die altnordische Literatur keine erschöpfende Auskunft, ausgerichtet soll das Fest auf das Gedeihen der Herden gewesen sein. So können wir wieder nur anhand der Traditionen und des regionalen Brauchtums genauere Rückschlüsse ziehen, aber sicher unsere „Weihnachts“-Wünsche um Wohlstand und Glück darin wiederfinden.

 

 

 

 

 

 

 

Was also machen wir an Jul?

 

Wir begrüßen voller Freude das wiederkehrende Licht, ehren die Lichtbringerin, die Lichtträgerin Sunna/Sol, Luzia, Frigg, mancherorts werden auch zu Jul Sonnenräder entzündet und die Berge hinabgerollt. Im Julritual danken wir für das vergangene Jahr und bitten um ein gutes neues Jahr. Eine weit verbreitete neuheidnische Tradition ist es, alle Lichter im Haus zu löschen und sich in der Dunkelheit einen Moment der Andacht/Meditation/Trance hinzugeben und der Erwartung/dem Segen des kommenden Lichtes zu öffnen, bevor vom Haushaltsvorstand oder Kultleiter:in das Julfeuer (der Julblock) rituell entfacht wird. Alle Kerzen/Lichter des Hauses werden daran neu entzündet, wer zu Besuch ist oder an einem größeren Ritual teilnimmt, trägt das 'neue' Licht als brennende Kerze im Windlicht nach hause. Das Julfeuer ist ein guter Ort, um gegenständliche und/oder spirituell/seelische Dinge loszulassen, die wir mit Düsternis, Schwere und Belastung assoziieren: denn keine Dunkelheit hält dem neuen Licht stand! In unserem Zuhause können wir die reinigenden und klärenden Kräfte dieser Zeit mit Räucherungen unterstützen - bei mir glüht jeden Abend ein Räuchermännchen auf dem Ahnenaltar still lächelnd vor sich hin. Die Asche des Julblocks (des extra für das Julfeuer ausgewählten, zentralen, meist besonders großen Holzscheids) wird als heilend und glücksbringend aufbewahrt.

 

 

 

Wir ehren unsere Ahnen und Ahninnen, nicht nur in der Mütternacht vor Jul, sondern auch zum Fest, in dem wir an unserer Festtafel einen Stuhl und gedeckten Platz für sie frei halten, damit sie sich - auch in Form eines Überraschungsgastes - zu uns gesellen können. Auch in der Wilden Jagd, angeführt von Odin auf Sleipnir und von Frigg (in ihrer Erscheinung als Holle oder Perchta), die mit den rauen Winden durch die Wälder und um die Häuser tobt, erkennen wir unsere Altvorderen. Wie auch den Göttern trinken wir den Ahnen mit dem guten Julbier zu, bestärken unseren Bund und versichern uns ihres Wohlwollens und ihrer Unterstützung. Um den Bund mit den Lebenden zu stärken und uns einander unserer Liebe und Freundschaft zu versichern, machen wir einander Geschenke (Julklapp). Der Mann-der-Weihenächte, der Weihenachts-Mann, der die Geschenke bringt, wird neuheidnisch oft mit Odin gleichgesetzt, kommt er doch ursprünglich mit Hut und Wanderstab und in einem blauen Mantel daher (oft schaut der 'Knecht Ruprecht' heute auch bei uns noch so aus). Andererseits weiß man in Skandinavien, dass der Bock die Geschenke bringt und der ist ja nun ganz klar ein Begleiter von Thor. Und dann kommen da ja auch noch christliche Bischöfe und amerikanische Brausekonzerne als Urheber in Frage. Es bleibt spannend. Am besten einfach selbst fragen.

 

 

 

Wir feiern das Leben. Mit der Rückkehr des Lichtes steht fest, dass es ein neues Jahr geben wird, neues Leben, eine neue Saat und eine neue Ernte. Zum Fest holen wir uns die Symbole der Fruchtbarkeit ins Haus und schmücken es mit immergrünen Zweigen, Misteln (unter der wir uns Freyjas Kuss abholen) und genießen (symbolisch) die Äpfel der Göttin Idun, Nüsse, Leckereien (Gebäck in der Form von Pferd, Hase, Storch, Schwan, Hirsch, Fisch, Sonnenrad, Schiff, Jul-Eber, Hahn) und ganz traditionell einen Wildschweinbraten. Der Juleber ist dann auch das überliefert traditionelle Opfertier des Julfestes zu Ehren des Gottes Freyr. Der Eber wurde mit der Bitte um ein gutes Jahr und Frieden geopfert. Um einen Juleid zu schwören (der sich in unseren „guten Vorsätzen fürs neue Jahr“ erhalten hat), legte man die Hand auf den Rücken des Ebers, sprach seinen Eid und trank hernach einen Julbecher. Ein weiterer Brauch sind laut lärmende Umzüge, die den Winter vertreiben und vor allem die Frühlingsgöttin und die Erdkraft wecken sollten. Erhalten hat sich das bis heute in unserer Knallerei an Sylvester und in den Läufen der Perchten und Krampusse, die ehedem die Begleiter der guten Mutter Holle/Perchta waren und zu Unrecht dämonisiert wurden. Sie kamen mit der Rute und schlugen (neckisch statt brutal) sowohl die Erde und die Bäume, als auch die jungen Frauen und Männer, um die Lebenskraft und die Fruchtbarkeit zu wecken.

 

 

 

Nicht vergessen: Zur Nacht der Wintersonnenwende gilt es, die Hinze&Kunze, die Heinzel und Wichte, die Tomte und Nisse, alles kleine Volk, alte Volk, schöne Volk zu ehren und ihnen für die Freundschaft und die Unterstützung im vergangenen Jahr zu danken und darum zu bitten, dass die guten Beziehungen im neuen Jahr anhalten mögen. Besonders eignet sich ein kurzes, selbstverfasstes Gedicht nebst einem üppigen Teller mit Griespudding oder Milchsuppe, gespickt mit Honig, Nüssen und Äpfeln, serviert an einer ruhigen Stelle in der Nähe des Hauses (für Städter*innen: Balkone, Terrassen und Hinterhöfe).

 

 

 

 

 

Ich wünsche Dir und Deinen Lieben ein gesegnetes Julfest, eine freudige Wintersonnenwende, gute Gesundheit und allzeit gute Freundschaft mit den guten Geistern!

 

 

 

Einen Segen, den ich selbst vor Jahren zu Jul erhalten habe, mag ich heute an Dich weitergeben:

 

 

 

 

 

Das Licht des Julfeuers für Dich,
Die Wärme von Heim und Herd für Dich,
Der
Sippe Liebe und Frieden für Dich,

 

Der Freunde Umarmung und Rückhalt für Dich,
Hoffnung und Stärke des Herzens für Dich,
Gemeinschaft und Segen der Götter für Dich.

 

 

 

 

 

Dein Urs Grágás Bärenkräfte Barth

 

Hagazussa